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"Ich bin kein eitler Typ. Ich habe kein Interesse mehr an einer Karriere als Solo-Künstler. Ständig durch die Lande tingeln, von Interview zu Interview hetzen, riesige Plakate von mir auf der Straße - ich will und brauch das alles nicht."Das waren die Worte eines der größten HipHop Produzenten unserer Zeit: Timbaland. Ganz aufs Produzieren wollte er sich verlegen, Talente entdecken, seine Lebenszeit an dem Ort verbringen, der ihm seit seiner ersten Produktion der liebste und wichtigste geworden ist: Das Studio. Keine Konterfeis mehr von Timbaland auf irgendeinem Cover. "Ich brauche nur eins: Gutes Equipment und gute MCs in einem guten Studio." Doch plötzlich stand sie im Raum, die Idee, die alle Vorsätze über den Haufen werfen sollte. "Mann, ich hatte mich schon längst damit abgefunden, dass wir beide nie wieder eine Platte zusammen aufnehmen", sagt Langzeit-Kollaborateur und Jugendfreund Magoo. "Und plötzlich ruft er mich mitten in der Nacht an und sagt: ‚Hey Mann, ich habe eine Idee für ein neues Album. Komm rüber und lass uns anfangen.'" Die Idee war so simpel wie wirkungsvoll, so Timbaland: "Let's take it back to the Old School. Das aber so modern wie möglich!"
Es ist eine Geschichte von einzigartigen künstlerischen Visionen und schier unbeschreiblichen kommerziellen Erfolgen. Es ist die Geschichte des mittlerweile 32-jährigen Tim Mosley aus dem Durchschnitts-Kaff Norfolk in Virginia, der schon früh beginnt, Platten aufzulegen, erste Mixtapes unter die Leute zu bringen und mit den einfachsten produktionellen Mitteln Tracks zu basteln. Seit diesen frühen Tagen Ende der Achtziger arbeitet er zusammen mit dem lässig reimenden Magoo, seinem alten Norfolk-Buddy aus der Nachbarschaft. "Timbaland hatte schon immer die größte Vision von allen", sagt jener. "Es ist eine Ehre, für ihn arbeiten zu dürfen, Teil seines Teams, seiner Family zu sein. Ohne ihn wären wir alle Nichts." Seine ersten Auftragsarbeiten für das R'n'B-Kollektiv Jodeci geraten direkt zum Hit. Es folgen Produktionen für Aaliyah, Ginuwine und SWV und das wohl wichtigste und kreativste Joint Venture der Neunziger Jahre: Timbaland trifft Missy Misdemeanor Elliott. Eine Zusammenarbeit beginnt, deren Erfolge bis heute beständig sind. Das erste gemeinsame Ergebnis, Elliotts Platin-Album "Supa Dupa Fly", ist der Einstieg in ein neues HipHop-Zeitalter. Seine funky synkopierten Beats und der vertwistete Bass seiner Tunes markieren die Ankunft einer neuen südstaatlichen Dynamik, die so ganz anders klingt als die gewohnte Eastcoast-/Westcoast-Achse. Seitdem ist Timbaland aus der Welt des HipHops nicht mehr wegzudenken. Was er anfasst, wird Platin. Seit 1997 befinden sich nahezu ununterbrochen die unterschiedlichsten Produktionen von ihm in den amerikanischen Billboard-Charts. Er schreibt Tracks und ganze Alben für Künstler wie Ludacris, Jay-Z, Snoop Dogg und Nas. Mit minutiösem Blick für das Business schart er mit Magoo, Missy Elliott, Aaliyah, Ginuwine, Baby und Bubba Sparks eine eigene Künstler-Familie um sich. Er etabliert sein eigenes Label 'Beat Club' und verhilft jungen Talenten wie Petey Pablo, Pastor Troy und Tweet, allesamt aus seinem ehemaligen Südstaaten-Umfeld, zu einer eigenen musikalischen Identität und ihren ersten Veröffentlichungen. Nebenbei fungiert er als Supervisor für diverse Film-Soundtracks, leitet seinen eigenen Verlag, baut sich ein Studio nach seinen Vorstellungen und veröffentlicht neben den ganzen Produktionen für andere Künstler drei Solo-Alben: "Welcome To Our World" (1997), "Tim's Bio" (1998) und "Indecent Proposal" (2001). Mit der Produktion einiger Tracks auf Justin Timberlakes letztem Album "Justified", darunter die Hit-Single "Cry Me A River", die weltweit einen grandiosen Top Ten-Erfolg erzielte, bewies Timbaland einmal mehr sein geniales Gespür für die Spitzenpositionen der internationalen Charts. Es ist diese Mischung aus atemberaubenden Hitmacher-Qualitäten und seinen vollkommen außergewöhnlichen, weit außerhalb der üblichen Norm stehenden Produktions-Skillz, die Timbaland neben Dr. Dre, Outkast und den Neptunes in der vordersten Reihe der gegenwärtigen und vor allem zeitgeistigen Produzenten-Riege etablierten. Er avancierte zeitweise gar zum teuersten Musikproduzenten Amerikas. "It's all about the vibe, man", sagt er in seinem brummenden Bariton. "Wenn du den Vibe hast, kann nichts schief gehen. Man kann das nicht erklären, man muss es fühlen. Ich fühle jeden einzelnen Track, den ich produziere. Ich fühle ihn schon, lange bevor er überhaupt auf Band ist." Ist er ein Maniker? "Schon. Ich höre sie ständig in meinem Kopf - Beats, Sounds, Arrangements. Bis zu einem gewissen Grade musst du auch manisch sein, um Visionäres zu erschaffen. Doch gleichzeitig brauchst du die Kontrolle, immer dann aufzuhören, wenn es genug ist." Darin, da gibt es keinen Zweifel, ist niemand so gut wie Timbaland. Seine Tracks klingen oft rau, kantig und höchst minimalistisch, ohne dabei nackt oder unfertig zu wirken. Sie haben Drive, Druck, Dynamik und diesen unverwechselbaren Kick, der jede einzelne seiner Produktionen auszeichnet. Und das nun mehr denn je: Under Construction Part II definiert den Beginn eines neuen künstlerischen Abschnitts. Part I war, so sagt er, die Produktion des ersten Missy Elliott-Albums. "Bei Part II geht es um das Setzen neuer Standards, das Etablieren neuer Sounds, das Definieren eines neuen Stils: geschichtsverbunden und doch nicht retro, mit der Old School spielend, ohne sie zu kopieren. Ich will Dinge voran treiben, ohne meine Wurzeln zu vergessen. Davon erzählt mein neues Album." 16 Songs treibender Hi-Tech-Funk, der dermaßen heftig nach vorne schiebt, dass man es fast ‚Rock' nennen möchte. Man höre nur "Vulerable", dieses Biest von einem Track, ein massiver Bouncer mit einem Snare-Klatschen wie eine schallende Ohrfeige und den bislang wohl besten Falsetto-Vocals seines Neptunes-Kollegen Pharrell Williams, die je auf Band fest gehalten wurden. Oder den staubtrockenen Schieber "That Shit Ain't Gonna Work", auf dem Timbaland beweist, dass er nicht nur ein guter Produzent, sondern ein ebenso guter MC ist. Die schwer atmende Funk-Nummer "N 2 Da Music", auf der er sich im Vokalduett mit der bezaubernden Brandy übt, beeindruckt genauso wie die Nummer "Lights Off". Mit einer schier unendlichen Dichte an kleinen Sounds und Ideen inszeniert Timbaland hier seine MC-Entdeckung Bubba Sparks. Verdrehte Klänge, Sirenen, Vocoder-Stimmen und das höchst dezente, ganz weit im Off eingestreute Sample von Nirvanas "Smells Like Teen Spirit" erzeugen einen unvergleichlichen Effekt. Neben "Go Ahead And Do Your Thing", einer brillanten, für Timbalands Verhältnisse ungewöhnlich geraden und klassisch old schoolig rollenden Freestyle-Nummer, sei abschließend das zutiefst ergreifende "Hold On" erwähnt. Gemeinsam mit Wyclef Jean gedenkt Timbaland seiner verstorbenen Freundin und Muse Aaliyah. Eines an dem Album ist jedoch Tiefstapelei: der Titel. Hier ist nichts mehr ‚under construction'. Diese Platte ist in jedem Detail zu Ende gedacht, perfekt temperiert, höchst einzigartig in Szene gesetzt und vor allem dermaßen weit außerhalb des üblichen HipHop-Rasters, dass es nicht verwundern würde, wenn sie in drei, vier Jahren als Referenzpunkt für den neuen Style in der Black Music herangezogen werden würde. Das, um mit seinen eigenen Worten zu schließen, wäre denn auch Timbalands großer Wunsch: "Ich möchte erobern, entdecken, neue Wege beschreiten. Ich möchte sein wie ein moderner Mozart, der sich den bekannten musikalischen Elementen bedient, um daraus etwas vollkommen Neues zu schaffen. Ich möchte Musik machen, die es noch nie zuvor gegeben hat." Mit dem Album "Under Construction Part II", das Ende Oktober in Deutschland veröffentlicht wird, ist er diesem Ziel ein bemerkenswertes Stück näher gekommen. Tracklisting (Album)
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