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Special: Sankt Martin
Sankt Martin, die Jazzkapelle und die Gänse
Was hat das Wort Jazzkapelle mit der Person von Sankt Martin zu tun, dem berühmten Heiligen aus dem vierten Jahrhundert? Eine Rückblende in die Historie offenbart den Zusammenhang!
Die Legende vom Heiligen Martin

Der 18-jährige Gardeoffizier Martin war in Amiens stationiert. Neben Chalons und Reims war Amiens seit den Tagen Caesars von strategischer Bedeutung. Es ist historisch belegt, dass dort eine Reitertruppe unter dem Namen ?equites catafractarii Ambianenses? aufgestellt wurde. In eben jene Zeit fällt das Ereignis, das bis heute das Andenken an Martin wachhält.

Um das Jahr 340 kam es in einem besonders harten Winter zur Kältekatastrophe, der viele Menschen zum Opfer fielen. Der Legende zufolge begegnete Martin, damals noch römischer Offizier, am Stadttor von Amiens (civitas Ambianensium) einem armen, unbekleideten, frierenden Menschen.

Als der Bedauernswerte nun die Vorübergehenden bat, sie möchten sich seiner erbarmen, diese jedoch an dem armen Mann vorübergingen, verstand Martin, vom Geist Gottes erfüllt, dass der Bettler ihm zugewiesen sei, da die anderen Menschen kein Erbarmen zeigten. Aber was sollte er tun?

Da Martin außer seinen Waffen und seinem Militärmantel nichts anderes bei sich hatte, fasste er sein Schwert, mit dem er gegürtet war, teilte kurzerhand seinen Mantel und gab dem Notleidenden die eine Hälfte, mit der anderen Hälfte bekleidete er sich selbst. Einige der Umstehenden machten sich wohl über ihn lustig, da ihn der abgerissene Mantel natürlich nicht besonders gut kleidete.

Durchaus glaubhaft ist, worüber sich natürlich nur spekulieren lässt, dass er vor ein Militärgericht gestellt wurde, denn das entsprach dem (nicht nur) damaligen militärischem Denken. Außer dem Spott seiner Mitmenschen musste Martin deshalb bestimmt auch noch eine Arreststrafe von seinen Vorgesetzten hinnehmen: drei Tage Haft wegen mutwilliger Beschädigung von Militäreigentum.

In der Nacht, die auf die Mantelteilung folgte, erschien Martin im Traum der Bettler in der Gestalt von Jesus Christus, bekleidet mit Martins halbem Militärmantel. Zu den ihn umgebenden Engeln sprach Christus: ?Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet!? In diesem Traum sah der junge Offizier eine Aufforderung, den Militärdienst aufzugeben, um in den Dienst Gottes zu treten.

Nach mehrjähriger Vorbereitungszeit ließ sich Martin in Amiens, damals schon Bischofssitz (schließlich nahm 346 ein Bischof von Amiens am Konzil in Köln teil), taufen. Seinen Militärdienst gab er aber noch nicht auf, weil sein Hauptmann, mit der er befreundet war, ihn gebeten hatte, erst nach zwei Jahren um die Entlassung aus dem Militärdienst zu bitten.

Die ältesten Quellen erwähnen an keiner Stelle ein Pferd, auf dem Martin auf späteren Darstellungen bei der Mantelteilung platziert wurde. Die Reiterpose eines Helden mit dem Schwert war aber in römischer Zeit eine bekannte Darstellungsform in der Kunst.

Spätere Darstellungen haben diese alte Form, die den heldenhaften Soldaten darstellen sollte, übernommen und zugleich verfremdet: Nicht mehr einen unterlegenen Gegner zwingt jetzt der Reiter in den Tod, er erhält durch das Teilen einem Notleidenden das irdische Leben und erwirbt sich durch diese christliche Haltung das ewige Leben.

Soweit die Vorgeschichte, und hier kommt die Erklärung: Zur Römerzeit wurden Offiziersmäntel "chlamys" genannt. Sie waren weiß im Gegensatz zu den roten Umhängen, wie sie heute bei den St. Martins-Umzügen üblich sind. Später hat sich für "chlamys" die Bezeichnung "cappa" bzw. "cap(p)ella" als Verkleinerungsform eingebürgert.

Nach eben dieser wurde die Palastkirche in Paris benannt, der Ort, wo die cappa des Heiligen Martin als Reliquie aufbewahrt wurde. Seither steht das Wort Kapelle stellvertretend für eine kleine Kirche, aber auch für deren Musiker und für ganze Orchester von der Blas-, Tanz-, Jazz- bis zur Musikkapelle.

Und das passt wiederum zu den zahlreichen Martinsliedern, die seit dem 14. Jahrhundert zu Ehren des Heiligen angestimmt und oft musikalisch begleitet werden. In jedem Jahr singen viele Kinder am 11. November wieder "Ein Lichtermeer, zu Martins Ehr', rabimmel, rabammel, rabumm", "Brenne auf mein Licht" oder "St. Martin ritt durch Schnee und Wind", wenn sie ihre bunten Laternen begeistert durch die Straßen schwenken.

Das heutige Martinsfest geht auf alte Traditionen zurück, die sich bis 1800 erhalten haben. Man feierte zu Hause oder im Wirtshaus, Kindergruppen baten auf Heischegängen um Gaben wie Obst, Süßigkeiten oder Geld, und Martinsfeuer loderten in den Stadtvierteln. Um 1900 wurde das Martinsbrauchtum vom Niederrhein und Düsseldorf ausgehend neu belebt.

Dabei entwickelte sich der beliebte Martinszug in seiner jetzigen Form, mit Laternen und Liedern. Als Höhepunkt des Umzugs wird meist die Geschichte des Heiligen Martin nachgespielt. Zur Belohnung bekommen die Kinder eine Martinsbrezel, einen Lebkuchen oder ein Weckmännchen aus Hefeteig mit auf den Nachhauseweg.

Auch ein Festschmaus gehört seit jeher zum St. Martinstag. Da früher das Adventsfasten mit dem Fest des Heiligen Martin begann, durfte am Vorabend noch einmal ausgiebig geschlemmt werden. Nicht umsonst bedeutet in Frankreich "faire le Saint Martin" oder "martiner" gut essen und trinken.

Bekanntlich spielen Gänse zu Martini als Festtagsbraten eine wichtige Rolle, und das kam so: Bescheiden, wie St. Martin war, soll er sich in einem Gänsestall versteckt haben, um dem Bischofsruf zu entgehen. Doch es half nichts. Die Gänse verrieten ihn durch ihr aufgeregtes Geschnatter, und lieferten sich so für alle Zeiten dem Kochtopf aus.

Wer also traditionsgemäß schlemmen will, brät eine Gans. Doch es muss längst nicht mehr der komplette Vogel sein. Neue, festliche Kombinationen rund um Gänsebrust und Gänsekeule liegen im Trend. Teilen heißt die Devise - ganz im Sinne des Heiligen Martin.


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Sankt Martin Figur am Alten Palais in Frankfurt/Main. Foto: JeLuF / GNU
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